Europäische Hornisse (Vespa crabro)
Die Europäische Hornisse (Vespa crabro) ist eine staatenbildende Faltenwespe und die größte heimische soziale Wespenart. Sie ist in ganz Deutschland verbreitet, bevorzugt jedoch strukturreiche Landschaften mit altem Baumbestand. Für Menschen ist sie vor allem durch ihre Neststandorte in Gebäuden relevant, spielt aber zugleich eine wichtige Rolle im Ökosystem.



Erkennungsmerkmale
Die Europäische Hornisse erreicht Körperlängen von etwa 18–25 mm bei Arbeiterinnen und bis rund 35 mm bei Königinnen. Drohnen liegen im Bereich der größeren Arbeiterinnen. Damit ist sie deutlich größer als heimische Kurzkopfwespenarten.
Die Grundfärbung ist gelb und rotbraun. Der Kopf ist überwiegend gelb, das erste Abdominalsegment und große Teile des Thorax sind rötlich bis kastanienbraun, die hinteren Tergite sind gelb mit dunklen Zeichnungen. Im Vergleich zu typischen „Wespen“ wirkt die Hornisse insgesamt heller und rötlicher.
Der Kopf ist breit mit großen, bohnenförmigen Facettenaugen und kräftigen Mandibeln. Der Thorax wirkt robust, mit gut entwickelten Flugmuskeln. Die Fühler sind bei Weibchen und Arbeiterinnen etwas kürzer als bei Drohnen, die deutlicher gegliederte, längere Fühler besitzen.
Im Ruhezustand liegen die länglichen, leicht bräunlichen Flügel seitlich am Körper an und überragen den Hinterleib deutlich. Die Flügel erscheinen im Gegenlicht schwach rauchfarben und nicht klar durchsichtig.
Das Flugverhalten ist im Vergleich zu kleineren Wespen relativ langsam, geradlinig und wirkt „schwer“. Hornissen fliegen auch in der Dämmerung und teilweise nachts, was für viele andere Wespen untypisch ist. Vor Nestern sind häufig kreisende Kontrollflüge zu beobachten.
Besonders auffällig sind die kräftige Körpergestalt, die rötliche Färbung des Vordertieres und der markante Brummton beim Flug. Anders als viele gelb-schwarz gezeichnete Wespenarten sucht Vespa crabro auch häufiger an Bäumen nach Rinde und Saftflüssen.
Verwechslungsgefahr
Leute verwechseln die Europäische Hornisse häufig mit der Deutschen Wespe (Vespula germanica) und der Gemeinen Wespe (Vespula vulgaris). Beide sind deutlich kleiner, schwarz-gelb kontrastreich gezeichnet und besitzen keine ausgeprägte rötliche Färbung von Kopf und vorderem Hinterleib.
Eine weitere Verwechslungsmöglichkeit ist die Asiatische Hornisse (Vespa velutina), eine invasive Art. Sie ist insgesamt kleiner, deutlich dunkler mit überwiegend schwarzer Körperfärbung und nur einem breiten gelben Band am Hinterleib; die Beine wirken zweifarbig mit gelben Enden.
Gelegentlich wird Vespa crabro auch mit großen Holzbienen oder Hummeln verwechselt. Diese haben aber einen stark behaarten Körper, eine andere Flügelfärbung und fehlen die für Faltenwespen typische, deutliche Einschnürung zwischen Brust und Hinterleib.
Verhalten & Lebensweise
Die Europäische Hornisse ist eine eusoziale Art mit einjährigen Staaten. Eine im Frühjahr gegründete Kolonie besteht zunächst aus wenigen Arbeiterinnen, erreicht im Spätsommer ihre maximale Größe und stirbt im Herbst ab, mit Ausnahme der begatteten Jungköniginnen.
Trotz ihres Rufes gilt Vespa crabro als vergleichsweise defensiv. Angriffe erfolgen in der Regel nur bei unmittelbarer Nestbedrohung oder wenn Tiere bedrängt oder gequetscht werden. Im freien Flug und an Nahrungsquellen meidet sie meist den direkten Kontakt mit Menschen.
Die Nahrung der erwachsenen Tiere besteht überwiegend aus kohlenhydratreichen Quellen wie Baumsäften, Nektar und reifen oder verletzten Früchten. Für die Larven erbeuten Arbeiterinnen verschiedene Insekten, darunter Fliegen, Wespen, Schmetterlingsraupen und andere Gliedertiere, die zerkaut als Eiweißquelle dienen.
Die Saison beginnt mit den überwinterten Königinnen ab etwa April, die erste Arbeiterinnen erscheinen ab späten Frühling. Die Hauptflugzeit liegt im Sommer bis in den frühen Herbst, mit absterbenden Völkern meist bis Oktober, in milden Jahren auch etwas länger.
Charakteristisch ist das ausgeprägte Territorialverhalten im Nahbereich der Nester, während an Futterstellen auch mehrere Individuen relativ tolerant auftreten können. Hornissen zeigen außerdem ein Dämmerungs- und Nachtaktivitätsmuster, das sie von vielen anderen sozialen Wespen unterscheidet.
Nest & Standort
Vespa crabro baut papierartige Nester aus zerkautem Holz, das mit Speichel zu einer bräunlichen, papierähnlichen Masse verarbeitet wird. Das Nest besteht aus mehreren horizontalen Wabenetagen, die von einer mehrschichtigen Hülle umgeben sind.
Typische Standorte sind Hohlräume in alten Bäumen, Spechthöhlen und ähnliche natürliche Strukturen. In Siedlungsbereichen nutzen Hornissen auch Dachböden, Rollladenkästen, Wandhohlräume, Schuppen, Scheunen und gelegentlich Nistkästen für Vögel.
Ein ausgewachsenes Nest kann je nach Bedingungen Durchmesser und Höhe von mehreren Dezimetern erreichen und mehrere hundert bis über tausend Zellen enthalten. Die Volksstärke liegt im Spätsommer typischerweise unter der von Massenwespen, aber deutlich über einigen anderen Faltenwespenarten.
Im Jahresverlauf beginnt der Nestbau im Frühjahr mit der Königin allein. Im Sommer expandiert das Nest rasch, erreicht im Spätsommer seinen Höhepunkt und wird im Herbst aufgegeben. Die überlebenden Jungköniginnen suchen geschützte Winterquartiere im Laub, in Baumrindenritzen oder anderen trockenen Verstecken.
Für Menschen ergeben sich Risiken vor allem durch Nester in unmittelbarer Nähe zu Aufenthaltsbereichen, engen Durchgängen oder Fenstern. Mehrere Stiche können für empfindliche Personen problematisch sein, insbesondere bei Allergien. Anders als gelegentlich angenommen, sind Hornissenstiche aber nicht generell gefährlicher als Stiche anderer Wespenarten, außer bei bekannten Überempfindlichkeiten.
Bedeutung im Ökosystem
Als Blütenbesucher und Nutzer von Baumsäften tragen Hornissen in begrenztem Umfang zur Bestäubung bei, auch wenn sie keine spezialisierten Bestäuber wie viele Bienenarten sind. Sie können dennoch Pollen übertragen, wenn sie Nektar aufnehmen.
Als Prädatoren zahlreicher Insekten wirken sie als natürliche Schädlingsregulatoren. Sie erbeuten unter anderem Fliegen und andere potenzielle Lästlinge sowie verschiedene phytophage Insekten, was lokal zur Reduktion von Schadinsekten beitragen kann.
Insgesamt besetzen sie im Ökosystem die Rolle mittelgroßer, generalistischer Räuber in baumreichen Lebensräumen. Sie sind zugleich Beute für einige Vogelarten und andere Prädatoren und stellen somit einen Bestandteil komplexer Nahrungsnetze dar.
Umgang mit der Art
Bei einem Nestfund sollten Hornissen in Ruhe gelassen werden, sofern keine unmittelbare Gefährdungssituation besteht. Direkte Erschütterungen, starkes Anpusten, aggressive Abwehrversuche oder Manipulationen am Nest sind zu vermeiden. Ein Mindestabstand und ruhiges Verhalten reduzieren das Risiko von Abwehrstichen deutlich.
In Deutschland ist die Europäische Hornisse als besonders geschützte Art eingestuft. Nach der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) ist es in der Regel verboten, Tiere ohne vernünftigen Grund zu töten oder Nester zu zerstören oder erheblich zu stören. Ausnahmen sind nur unter bestimmten Voraussetzungen und üblicherweise mit behördlicher Genehmigung zulässig. Dies stellt keine Rechtsberatung dar, sondern eine allgemeine Information; im Einzelfall sind die aktuellen gesetzlichen Regelungen und zuständigen Behörden zu konsultieren.
Professionelle Hilfe ist sinnvoll, wenn ein Nest in unmittelbarer Nähe von Wohnbereichen, Kinderbereichen oder stark frequentierten Wegen liegt und ein erhöhtes Risiko für Stiche besteht, insbesondere bei bekannten Allergien in der Umgebung. Fachkundige Schädlingsbekämpferinnen und -bekämpfer oder spezialisierte Naturschutzdienste können prüfen, ob eine Umsiedlung möglich und rechtlich zulässig ist.
Ähnliche Arten
- Deutsche Wespe (Vespula germanica): kleiner, stärker schwarz-gelb kontrastreich, ohne ausgedehnte rotbraune Färbung.
- Gemeine Wespe (Vespula vulgaris): ähnlich wie Deutsche Wespe, geringere Körpergröße und andere Kopfmuster.
- Asiatische Hornisse (Vespa velutina): dunkler Körper, kleiner als Vespa crabro, auffällig gelbes Endband am Hinterleib, zweifarbig gelbe Beinenden.
- Orientalische Hornisse (Vespa orientalis): wärmeliebende, überwiegend rotbraune Art mit gelben Anteilen, in Mitteleuropa nur lokal oder als Verschleppung, andere Färbungsstruktur.
- Mittlere Wespe (Dolichovespula media): mittelgroße, eher schlanke Art mit gelb-schwarzer Zeichnung und teilweise rötlichen Anteilen, aber deutlich kleiner und anders proportioniert als die Europäische Hornisse.

